Was für ein solider Pitch. Ich betrachtete das Profil, die Autorenhomepage, die Blogeinträge, das Über-Mich. Einerseits galt es zu erfahren, ob sich das Mindset verträgt, andererseits war es wichtig zu erkunden, worauf die/der Autor*in in ihren Erzählungen Wert legt. Die Autorenwebseite erweist sich bei der Auswahl, ob in Betracht gezogen werden kann Testleser zu sein, als sehr wichtig. In letzter Instanz lässt sich die Suche nach einem passenden Partner aber auf Wunsch, Versuch und Irrtum beschränken. Manche Autoren befinden sich nicht in der glücklichen Lage, in der Nähe einer Stadt zu wohnen und auf Annehmlichkeiten wie Schreibgruppen zurückgreifen zu können. Sie suchen über Foren oder Social Media ihre Testleser. Bevor ich das selbst in Betracht ziehe, will ich erst einmal die andere Seite begutachten.

Schreibgruppen – Testleser analog

Oft verfügen sie über eine Art Stammzirkel, Menschen die möglichst zu jedem Termin erscheinen. Sie können es halten wie Sie wollen, aber es zeugt von gutem Benehmen, falls Sie sich für eine Schreibgruppe entscheiden, dass Sie möglichst regelmäßig die Termine wahrnehmen. Wenn jemand neu in der Gruppe ist, sendet Ihr*e Moderator*in oft subtile Signale in dieser Richtung, mit den Worten: »Ich finde es nicht gut, wenn Autoren nur erscheinen, um etwas vorzulesen.«

Wollen Sie nicht sofort Abneigung generieren, wäre es besser, sich an diesem Wunsch zu orientieren. Regelmäßige Treffen schaffen Vertrauen. Der ständige Austausch widmet sich dem gegenseitigen Verständnis dafür wie miteinander gesprochen werden kann. Hier und dort merkt jemand an, welche Bücher er gern las. Es ist viel Durcheinander in der Schreibgruppe, wenig Geordnetes, weil experimentell. Jeder sucht sich seinen Weg. Kommunikation aber ist etwas, das funktioniert. Soll ein Buch testgelesen werden, erhalten Sie dieses immer kapitelweise.

Mit etwas Pech landen Sie in einer Schreibgruppe, die den Autor und nicht den Text kritisiert. Um herauszufinden, in welcher Art der Schreibgruppe sie sitzen, würde ich Ihnen empfehlen zunächst als Zuhörer am Zirkel teilzunehmen. Auch in den hilfreichen Gruppen kann das geschehen. Meist lenkt dann der Moderator den Zirkel wieder auf das Wesentliche, alles beruhigt sich. Es wird eingesehen, dass es um den Text geht, nicht den/die Autor*in. Man disputiert, philosophiert, tauscht Wissen oder Meinungen aus. Ihnen werden mehrere Lager auffallen, die sich durch die Literaturlandschaft ziehen wie Risse im Eis. Von jeder Gruppe lernen Sie, worauf diese achtet, jeder ist ein Testleser. Einvernehmlich wird zunächst Kritik geübt. Danach darf der/die Autor*in Ihre Absichten verlauten lassen. Etwa zwei Stunden später wird eine Kurzgeschichte abgelegt, es erfolgt eine Raucherpause, Sie besprechen den nächsten Text in der Gruppe. Dann ist es werktags 01:00 Uhr. Sie treten den Heimweg an, weil Sie heute um sieben Uhr bei der Arbeit sein müssen.

Testleser digital

Als Testleser in diesen Schreibgruppen/Schreibzirkeln ergibt sich die Möglichkeit, vorsichtig auf den Text einzugehen, abzuwägen, welche Formulierung zu harsch für das Gegenüber ist und auf dessen Mimik reagieren zu können. Ehrliche Körpersprache zeigt eine Menge Anhaltspunkte auf, wie mit dem anderen gesprochen werden kann, um ihn zu erreichen. Im digitalen Raum fällt die Möglichkeit, abzuschätzen ob das Gesagte sich in der gleichen Ebene befindet wie der/die Autor*in, weg.

Fokus

Nun meldete ich mich also als Testleser bei der mir unbekannten Person, erhielt ihren Text und erkundigte mich nach zu berücksichtigenden Wünschen. Zuweilen lege ich in Kurzgeschichten Wert auf Details, Emotionen und Erfahrungen der Charaktere, eigene Stimmen… Dinge eben, die mir bei Lieblingsautoren*innen auffielen und die anzueignen erstrebenswert scheinen, wenngleich das Ergebnis recht dürftig ist. Leider gab es dazu keine Informationen. Zu meinem Bedauern fielen einerseits die differenzierten Stimmen einer Schreibgruppe im digitalen Bereich weg, zum anderen lag auf meinem Desktop plötzlich ein dreihundert A4-Seiten starkes Manuskript, das mir unter anderen Umständen nur kapitelweise ausgehändigt wird.

Keine Orientierung am Autor möglich, keine Schreibgruppe mit Sonderwissen, einseitige Kommunikation – und jetzt?
Wie kommunizieren? Was wünscht sich der/die Autor*in? Wie erfolgt die Arbeit mit diesem Text? Jeder schreibt Bücher anders. Hinweise an den Rand kleben, wie Lehrer*innen in der Schule, der Schreibgruppe? Möchte er/sie es erst zurückerhalten nach dem Lesen oder immer nach erfolgten Anmerkungen? Gibt es eine Deadline? Orientieren – woran?

Kapitelwünsche

Ein ganzer Roman wird nicht in Schreibgruppen umgestaltet. Kapitel lesen sie, analysieren sie und der/die Autor*in begibt sich später an die Korrektur dessen. Als Vorteil anmerken muss ich, dass sich leichter einen Überblick darüber verschaffen lässt, wie lang der Text ist, wenn er gebündelt versandt wird. Allerdings fühle ich mich davon erschlagen. Sowohl in der Vorgehensweise der Schreibzirkel als auch im Versenden des ganzen Manuskripts bilden sich Vorteile heraus.

Testleser - Lesezeichen in einem PDF-Dokument

Nach einem Kompromiss suchend, würde ich mir Kapitellesezeichen im PDF-Dokument für den Testleser wünschen. In den Readern, die ich bisher benutzte, verbarg sich stets die Möglichkeit, diese zu setzen. Ganz arglos rechne ich damit, dass Testleser sich selbst Datums-Lesezeichen setzen und nicht ewig durch das Dokument scrollen, nachdem sie es schlossen und erneut öffneten.

Asymmetrische Kommunikation

Sie bezeichnet Unterschiede im Gesprächsanteil der Beteiligten. In der Schreibgruppe ist das der Part, in dem der Autor*in schweigt und sich die Kritik notiert, um zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückzukommen. Hin und wieder eine E-Mail zu schicken, mit dem Hinweis, dass bis zu dieser Seite nun Anmerkungen erfolgten, erscheint mir unangemessen. Ich würde mir einen regeren Austausch wünschen, um Missverständnissen entgegenwirken zu können. Dahinter steht der Wunsch, mit Gleichgesinnten über Herausforderungen und Arbeitsweisen zu sprechen. Dieses Fehlen von Kommunikationsebenen, Sprachmelodie, Mimik, erweist sich als geradezu unhaltbar. Aus der Autorensicht würde ich es ablehnen, wenn mir jemand so sehr zu Leibe rückt. Daher lässt sich diese Zurückhaltung nachvollziehen. Trotz Historienromanbezug misslang dieses Austauschen von Erfahrungen zu meinem Bedauern auch in diesem Fall. Vielleicht sollte der Wunsch nach Austausch einfach ad acta gelegt werden.

Als normaler Testleser könnte es sein, dass man zufrieden ist, wenn der/die Autor*in die eigenen Randnotizen liest und nicht viel interagiert.

Struktur

In Ihrem Schreibzirkel fiele an diesem Punkt ein Satz in der Art »… dieser Teil harmoniert nicht mit…«. In der digitalen Kommunikation lässt sich die Diskussion kaum umsetzen. Daher also die Gestaltung einer PowerPoint-Präsentation, um einer E-Mail mit endlosem Textinhalt müßiggängerisch zu entgehen, sowie in tabellarischer Form herauszufinden, worin das eigentliche Problem besteht.

Testleser - Struktur und Orientierung

Ob das für zielführend ist? Ich habe keine Ahnung. Wenn mir ein Kapitel meiner Bücher nicht passt, landet es in mehreren Tabellen bis erkennbar ist, worin das Problem besteht und wie es sich lösen lässt. Darauf vertrauen, dass unbekannte Testleser sich setzen und ein Kapitel oder eine ganze Story in seine/ihre Bestandteile zerpflücken, sollten Sie wohl eher nicht.

Als Testleser würde ich mir einige Orientierungs-Fragen wünschen:

Was finden Sie an [wichtigste Charaktere] besonders einprägsam?
Was fehlt Ihnen bei [wichtigste Charaktere]?
Welcher Charakter erscheint Ihnen unsympathisch?
Welche Figur würden Sie umbringen oder streichen und warum?
Was haben Sie überlesen? Welche Kapitel langweilten Sie?
Welche Kapitel beeindruckten Sie? Was blieb Ihnen in Erinnerung? Warum?

Die feine englische

Als Autorin lerne ich, gewisse wohlgemeinte, aber bedrohliche Einflüsse auf Texte zu reduzieren. Um herauszufinden, mit welcher Art Kommentator korrespondiert wird, auch dazu erscheinen einige Fragen vom Autor angebracht.

Welche Romane oder Autoren las derjenige besonders gern?
Was erwartet der Leser vom Buch nach dem Pitch (Klappentext)?

Fazit

Das Testleserleben ist anstrengend. Wenn Testleser mit wenig oder ohne Hintergrundwissen einen Text lesen, was würden sie an den Rand schreiben? Trotz meiner Erfahrungen mit verschiedenen Schreibgruppen in unterschiedlichen Städten, den Erfahrungen mit mehreren vollendeten Büchern und traumhaften Zugangsmöglichkeiten zu Spezialwissen, taste ich quasi blind durch diesen Textdschungel. Als Testler wünsche ich mir ein bisschen, dass man mich an die Hand nimmt und nicht typisch deutsch vor einem Berg absetzt, mir auf die Schulter klopft und sagt: »Da hoch. Tschüss.«