Das DHM – Deutsches Historisches Museum Berlin, Sie kennen es aus ‚Verfahren – wie sie mit dem Meer leben‚ hat eine neue Sonderausstellung zur Demokratie vorbereitet „Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie„, pünktlich zum Jubiläum 100 Jahre Weimarer Republik. Sprechen wir im Rahmen der Blogparade #DHMDemokratie über die vierte Macht im Staat, sprechen wir über die Publikative, den Journalismus.

Demokratie ist Teilhabe.
Im Zeitalter des Individualismus, jeder glaubt, er sei individuell, schaut die gleichen Serien an, achtet darauf, was geäußert wird, welche Posts in das Internet gelangen, weil das Unwort früherer Jahre – genannt Mobbing – dem Eltern und Lehrer nie etwas entgegenzusetzen wussten, weder mit guten Ratschlägen, noch mit einem Schulwechsel, längst aus seiner pubertären Phase herausgewachsen ist. Längst schmückt es sich mit dem Künstlernamen Shitstorm. Individualität macht einsam, weil jener, der sich dafür entscheidet, erst einmal allein ist, bis andere sich auch dafür entscheiden, aber dann ist das Besondere nicht mehr individuell, sondern uniform.

Seit dem Fall Relotius befindet sich der Journalismus wohl in der Krise. Es gab im DHM vor einiger Zeit dazu eine Podiumsdiskussion. Wenn ein schwarzes Schaf dafür sorgen kann, dass eine ganze Branche in die Krise stürzt, dann war bereits im Vorfeld etwas faul.

In Tettnang, Ort mit Burg am Bodensee, einem Vortrag lauschend, stand in der Ecke, hatte einem älteren Herren gerade meinen Platz angeboten, es war reges Interesse beim Publikum für die Tafelgewohnheiten im Barock, für den Vortrag, der mehrfach gehalten wurde. Nach der Veranstaltung trat ein anderer betagter Herr an mich heran und fragte, ob ich von der Presse sei, was verneint wurde. Er nickte zufrieden, Blogs könne vertraut werden, die Presse schriebe sowieso nur, was man ihnen diktiere.

Er ließ mich mit meiner Fassungslosigkeit allein. Tettnang ist süß, ein Bilderbuchörtchen. Vermute, dass die Leichen im Keller liegen, hatte zwei gemeine Begegnungen, weiß nicht wie darüber schreiben oder ob.

Nun halte ich Blogger nicht für vertrauenswürdiger als die Presse und die Presse nicht für vertrauenswürdiger als Blogger. Einem Pressekodex folgt dieser, mein Blog, nicht. Es gibt eine ganze Reihe Journalisten, die bloggen. Sind sie glaubwürdiger, wenn sie auf ihren eigenen Blogs berichten und weniger reliabel, wenn sie für ihre Arbeit, mein Eindruck ist, dass ein bestimmter Schlag Menschen sich für diesen Beruf entscheidet, bezahlt werden?

Ein Interview soll richtig widergegeben werden. Abonnieren Sie noch ihre Lokalzeitung? Haben Sie vor diesem Artikel vom Pressekodex gehört? Las vor einigen Wochen, dass in England eine Lokalzeitung eingestellt wurde und die Rentner nun völlig von der Berichterstattung ausgeschlossen sind.

Draußen, außerhalb der Stadt, bringt ein pflichtbewusster Herr, alle kennen seinen Namen, die Zeitung zwischen vier und sechs Uhr morgens zum Briefkasten. Ist er krank, wird es zum Dorfgespräch.

Gab in ihrem Büro je die Kaffeemaschine ihren Dienst auf?

Revolutionsstimmung!

Zündet die Mistgabeln an!

Genau so ist das, wenn draußen die Zeitung nicht pünktlich da ist. Ab sechs wird am Küchentisch gelesen, bis gegen sieben alle das Haus verlassen, weil die Nachrichten Gesprächsthema sind. Dass Berichterstattung auch durch eigene Meinung beeinflusst wird, das lässt sich nicht ändern. Lokalredaktionen werden hinter der Hand regelmäßig kritisiert und trotzdem gelesen. Lange nachdem ich ‚Deutschland ab vom Wege‘ auslas, bin ich noch darüber verärgert und erfreut und verärgert – mein Eindruck – die Sicht eines Journalisten, in dessen Kopf die Mauer noch existierte und der sich unter dem Deckmantel der Toleranz herabließ über seine Wanderung zu schreiben, als wäre er in den Ostblock gefahren. Lassen Sie sich nicht in die Irre leiten, war gut, sehr ehrlich.

Wenn ein Beitrag zu einer Veranstaltung geschrieben werden soll, ja es dauert, da das Wecken von Sympathie keine persönliche Stärke ist, immer Freunde irgendwo wohnen und weil Lokalpartiotismus eben kein bayrisches Phänomen ist, wenngleich es mir hier stärker ausgeprägt zu sein scheint, gerate ich in Konflikt. Auf dem Ostertisch stand ein Bier, das nach bayerischem Reinheitsgebot gebraut war, nicht deutschem Reinheitsgebot, nein bayerischem – Sie ahnen wohin das führt. Töricht, albern. Warte nur darauf, dass auf dem Kirsch Bier der Klosterbrauerei Neuzelle ‚Gebraut nach brandenburgischem Reinheitsgebot‘ steht.

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie Skrupel, wenn Sie über etwas berichten?
In welchem Maße sich Einrichtungen um Kulturgut kümmern können, hängt auch vom Geldbeutel ab, nun halte ich Sie für verständig genug, dass Sie erkennen, dass Burg Gleichen in Thüringen im starken Kontrast zum bayerischen Schloss Neuschwanstein steht und Sie erkennen auch, dass das an der finanziellen Zuwendung liegt. Wahrhaftig ist, dass Burg Gleichen ruinös ist, Neuschwanstein überladen und beide charmant sind.

Die Presse ist in der Krise? In der französischen Revolution wird die Presse kritisiert.

„Sie können aber wirklich nicht abscheulicher sein, als es hier eine Rasse von Leuten gibt: das sind nämlich die Journalisten.

Durch ihre giftigen Verleumdungen sind schon einigemal die rechtschaffenen Männer in Lebensgefahr geraten. Es kann jeder von den Kerlen ungehindert in den Tag hineinschreiben und drucken lassen, was ihm in den Kopf kommt, es mag wahr sein oder nicht, und wenn Klagen darüber geführt werden, so schützt man sie noch wohl gar, denn es herrscht hier eine wahre Pressausgelassenheit, nicht Pressefreiheit.

Jeder handelt, wie er es seinem Interesse am zuträglichsten findet. Überhaupt leben wir jetzt beinahe ganz ohne Gesetze, denn die alten hat man verworfen und noch keine neuen wieder gemacht.“ Driemel, Friedrich: Briefe des Buchdruckers Friedrich Driemel an den Protonotar (1791), S. 9
„Je mehr Niederträchtigkeiten er diesem von der Nation fast angebeteten Minister zuschreibt, je mehr Abgang findet sein Journal. Ich für mein Teil kann mich in den Charakter der Franzosen nicht finden.

Sie verehren einen Mann bis zur Anbetung und verschlingen doch auch gleichsam mit unerträglicher Begierde alle die Bosheiten, die ihm von einem elenden Journalisten, der bloß ums Geld schreibt, zur Last gelegt werden.“ Driemel, Friedrich: Briefe des Buchdruckers Friedrich Driemel an den Protonotar (1791), S. 14

 

Wer prägt Ihre Sicht der Dinge? Blogger, Journalisten, Youtuber, Fernsehsender, soziale Medien? Sehen Sie Facebook oder Twitter als Ersatzzeitung?
Demokratie ist Partizipation, Teilhabe, die nicht auf eine staatliche Medienagentur beschränkt ist. Seien Sie frei, glauben Sie niemandem und gehorchen Sie keinem, prüfen Sie Quellen, hinterfragen Sie alles. Das ist Ihre Aufgabe, wenn Sie in einer Demokratie leben.

Ihre Demokratie gehört zu den besten Staatsformen, die der Mensch in Jahrtausenden zu ersinnen befähigt war. Vergessen Sie die Diktaturnarben nicht, die Ihnen in vierzig Jahren Besatzung zugefügt wurden, das Wiedervereinigungspflaster, unter dem sich sehr langsam neues Fleisch bildet und bei dem jeder von Ihnen ahnt, dass es schmerzhaft wird, wenn Sie versuchen es zu lösen, um nachzuschauen, wie es darunter aussieht.

Vergessen Sie nicht die Toten zweier Weltkriege. Begegnete im letzten Sommer im Spreewald einem Rentnerpärchen. Er erkrankt an drei verschiedenen Krebssorten, wollte die alte Heimat, Kriegsveteran, Flüchtling, danach Jahrzehnte als Nürnberger, noch einmal sehen. Seine Frau, mit ihm geflohen, froh, dass die Enkel einen Partner gefunden haben, verliebt in ihren Mann und furchtbar traurig darüber, dass die gemeinsame Zeit sich dem Ende neigte. Wollte eigentlich nur ein Eis und ging mit zwei Lebensgeschichten.

Hinterfragen Sie Ihre Journalisteninnen, aber verteidigen Sie sie auch. Die, die Ihre Journalisten verstummen lassen, zögern nicht auch Sie verschwinden zu lassen.

Sie sind Journalistin? Durch Zensur und Selbstzensur verlieren Sie alle Glaubwürdigkeit, nicht weil ein Kollege den Karren mit Dreck beworfen hat und andere Mist nachschaufeln. Schnappen Sie sich Ihr Rückgrat, auch wenn die Zeiten schwierig sind, leicht waren sie nie. Sie sind Journalisten, verteidigen Sie uns, so wie wir ihre Berichterstattung verteidigen, hinterfragen Sie, wie wir ihre Arbeit und vor allem Ihre Methoden hinterfragen!

Vor allen Dingen: Machen Sie weiter, viele von Ihnen gehören zu den Besten unter uns.


 

Weiterführende Dokumente:

Stark, H.: Ein Fall für die Lehrbücher – Nicht der erste Hochstapler im Journalismus, in: Zeit Online (21.12.2018)

von der Decken, A.: Nachrichtenhungrige Rentner rufen Abgeordneten an, in: Deutschlandfunk (27.02.2019)

Kittan, T.: Klosterbrauerei in Brandenburg – In dieser Brauerei wird jedes Bier gesegnet (19. Mai 2017)

Driemel, Friedrich: Briefe des Buchdruckers Friedrich Driemel an den Protonotar (1791)

Eine Verlinkung des Beitrages erfolgte zur Information. Weitere Blogbeiträge werden gegen Ende der Blogparade #DHMDemokratie verlinkt.