Sie streckte sich, schob den Bären auf das Brett und lief die Treppe hinunter.
Die Zitrone bewegte sich zwischen den Luftblasen, wie ein Motorboot. Sie hob die Hand und strich sich über die Stirn. Der Strohhalm ließ die Eiswürfel klappern. Als sie sie zurückzog, war sie so nass, wie die Außenseite des Glases.
Die Stimmen von Motorrädern und Taxis erhoben sich zu einer Melodie der Dissonanzen. Staub wirbelte auf. Er klebte in der Lunge, wie die Tattoos der Kaugummipackungen an den Armen der Kinder. Menschen eilten, von ihrem Gegenüber ungesehen, vorbei. Die Frauen trugen farbenfrohe Kleider. Sie blieben stehen, deuteten mit den Händen in alle Richtungen, strichen das Haar zurück, lächelten.
Sie hatte ihre Lieblingsserie gesehen. Ein grüner Hase und eine Ente wollten erklären, wie ein Regenbogen entsteht. Sie hätte gern gewusst, ob sich wirklich ein Topf voll Gold am Ende befand.
Opa war gekommen. Ihre Tante hatte die Limonade vor ihr Gesicht gestellt und ihren Kugelschreiber vergessen. Ihre Hände griffen um das Glas. Es war, als atmete die Flüssigkeit durch ihr Blut in sie hinein. Sie stocherte mit dem Strohhalm nach der Zitrone.
Opa lehnte sich vor.
»Na, wie alt bist du denn jetzt?«
»Acht«

Sie wischte die Hände an ihrem hellblauen T-Shirt ab. Sie griff nach der Serviette und begann darauf herumzukritzeln.
»Lass uns rein gehen! Es ist heute so warm. Wir könnten dir auch ein Eis holen.«
Helena schüttelte den Kopf und packte den Kugelschreiber fester. Ihre Haare stoben in alle Richtungen. Er lehnte sich zurück. Der Metallstuhl knirschte. Er zog an seinem Krawattenknoten. Unter seinen Armen zeichneten sich Flecken ab. Hemd und Lederschuhe sahen fein aus.
Die Tante kam vorbei und erkundigte sich nach ihren Wünschen.
»Ein Bier. Helena, ein Eis?«
Ihre Haare flogen in alle Richtungen. Er schnaufte.
Was würde Fluffy dazu sagen?
Er wartete oben. Er würde es hier nicht mögen in all dem Durcheinander. Fluffy blieb zuhause. Er wollte mit ihr spielen. Sie waren schon sehr lange zusammen. Fluffys Augen waren wie der Neumond, groß und dunkel. Er selbst war rosa, rund und groß genug, um in ihren Armen zu verschwinden. Fluffy beschützte sie, wenn sie schlecht träumte.
Das Bier polterte neben ihr auf den Tisch. Er habe gerade Mittagspause, erklärte Opa der Tante. Eine Frau lief an ihrem Tisch mit schwingenden Hüften vorbei. Sie hatte so schöne Haare. Helenas Blick fiel auf die eigenen Fransen.
“Wie kann man nur so rumlaufen! So bist du nicht, nicht wahr Helena? Du bleibst immer meine Kleine.”
“Nein. So werde ich nicht.”
Er ergriff ihre Hände und drehte sie.
“Die sind ja ganz kalt. Komm, ich wärme sie dir.”
Er barg ihre Hände in den seinen. Er hatte so warme Hände und sah so chic und edel aus, mit dem feinen Hemd und den Lederschuhen.
Fluffy wartet, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Der rosa Plüschbär saß auf einem Regalbrett in einem Zimmer, über dem Café. Das Wasser lief am Glas entlang und sammelte sich in der Serviette. Die Kugelschreiberzeichnungen verliefen.
Opa legte seine Hand auf ihre Schulter und drückte zu.
“Wollen wir nicht reingehen? Drinnen ist es kühler. Dort ist es auch nicht so laut.”
Ein warmes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sie entzog ihm ihre Hände und klammerte sich an das Glas.
Auf der anderen Seite der Straße hielt ein Streifenwagen. Polizisten stiegen aus. Sie winkten Opa zu, der den Gruß freudig erwiderte. Polizisten mochte sie. Meist bekam sie eine Süßigkeit, wenn sie zu Besuch waren. Sie starrte sie an. Er kannte sie?
Zu der Hand auf ihrer Schulter gesellte sich eine weitere.
“Na, ist bei euch alles in Ordnung? Es ist warm, geht rein.”, forderte die Tante.
Die Ohrringe klimperten ebenso, wie die goldenen Armreifen an ihren Handgelenken. Sie trug ein leuchtend grünes Gewand. Nicht zu auffällig, nicht zu unauffällig. Der Lippenstift leuchtete mit dem Kleid um die Wette. Künstliche Fingernägel gruben sich in ihr T-Shirt.
Helena löste sich von den Polizisten und lächelte Opa an. Er strich ihr über den Rücken.
“Alles in Ordnung. Wir wollten gerade rein. Es ist so warm. Oder was meinst du, Helena?”, sagte er mehr an ihre Tante gewandt.
Er griff nach ihrem Glas. Die Tante hielt sie am Arm. Helena zuckte zusammen, dann wurde sie in das Innere des Cafés geschoben.
Tapsig lief sie Opa hinterher.
Die Polizisten gingen an ihnen vorbei und tuschelten. Ihr Kollege habe eine süße Enkeltochter. Reizendes Kind.
Wenn sie groß war, wollte sie auch Polizistin werden. Polizistin und dann würde sie anderen helfen können. Polizistin oder Ärztin. Sie musste nur groß werden. Ganz schnell groß werden.
Mit tiefen Zügen leerte er sein Bier, stellte es auf der Bar ab und streckte ihr die Hand entgegen. Seine Kopfbewegung deutete an, dass sie ihm ihr Zimmer zeigen sollte. Helena schaute auf die ausgetretenen Stufen der Holztreppe hinter der Bar.
Die Polizisten kamen herbei, und schüttelten Opa die Hand. Es gäbe so viel schlechtes in der Welt. Schön, dass man so etwas noch sieht.
Sie öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Die Polizisten verabschiedeten sich.
Sie ergriff Opas Hand. Die Tante lächelte.
»Komm, ich zeige dir mein Zimmer.«
Ein schmales Fenster, das auf einen reinigenden Schauer wartete, ließ gerade genug Licht herein, um Umrisse erkennen zu lassen. Es ließ sich so weit öffnen, dass der Straßenlärm hineinfand, aber die stickige Luft nicht heraus. Die Matratze bedeckte beinahe den ganzen Boden.
Ihre Tante kam herein. Er steckte ihr etwas Geld zu, dann schloss sich die Tür. Opa nestelte an seinem Gürtel herum und die Augen Fluffys beobachteten ihn.
“Nun mach, ich hab schon bezahlt!”
Helena tat einige Schritte rückwärts. Sie flehte Fluffy um Hilfe an.
Dann stieß Opa sie auf die Matratze. Sie wehrte sich, doch sie war zu klein und er so stark.

Sie zuckte, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Ihre Haut schmerzte. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber da war nur Leere. Sie streckte den Arm nach Fluffy aus. Es war zu weit. Alles pulsierte schmerzhaft, bei jeder Bewegung. Sie bekam sein Bein zu fassen und riss ihn herunter.
Sie biss ihm in die Augen, die Ohren, den Bauch und schrie.
Fluffy hörte nichts. Fluffy sah nichts. Fluffy antwortete nicht. Fluffy war einfach da.
Sie schrie, bis sie keinen Atem mehr hatte und in sich zusammenfiel.
Die Stimme ihrer Tante, nahm zwei der Treppenstufen auf einmal und weckte sie.
“Helena, Opa ist da. Komm runter!”