Unregelmäßigkeiten im Bahnverkehr, aha, egal, irgendwie komme ich zur Leipziger Buchmesse 2017.

Ich trample von einem Fuß auf den Anderen, zum Hauptbahnhof, schnell.
Bei der Rolltreppe gilt die übliche rechts stehen, links gehen Taktik um fünf Uhr morgens nicht.

Gut, wir haben Zeit, brauchen 12 Minuten bis zum Bahnhof und haben noch etwa 14 Minuten. An dem Mann, der so breit ist wie die ganze Treppe, komme ich nicht vorbei.

Die nächste S-Bahn fährt ohne mich.

Der Hauptbahnhof ist in Sicht. Mein Zeigefinger zuckt. Die Lampen am Türöffner zeigen sich davon unbeeindruckt. Endlich öffnet sie sich.
Der Zug, der mich in die nächste Stadt bringt, steht auf Gleis soundso bereit.

Da ist er wieder, der Moment, in dem man eine Schädelbasisfraktur in kauf nimmt, nur um rechtzeitig zu seinem Zug zu gelangen.

Die Treppenstufen unter meinen Füßen sehe ich nicht. Egal, wenn ich die letzten falle und in den Zug kuller, wie ein Igel, dann ist alles gut. Außer Atem schlüpfe ich hinein. Es piept. Der Zug fährt an.

Atmen, atmen ist wirklich etwas Gutes, denke ich und lasse mich auf einen Sitz fallen.

Noch sind wir nicht im nirgendwo und ich krame mein Notizbuch hervor. Das ist der richtige Moment, um sich einen Ablaufplan für den heutigen Tag anzulegen.
Der Schaffner kommt durch, fragt nach unseren Fahrkarten. Er grinst, als er mein Ticket sieht.
»Ich habe die Heizung angemacht, ist kalt hier, nicht?«
Er hat gute Laune und so bedanke ich mich freudig.
In der nächsten Stadt steigt wohl der gesamte Zug um.

»Werte Fahrgäste, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag auf der Leipziger Buchmesse 2017.«
Ein Fuchs ragt vor mir auf.

Warum will ich unbedingt den Schwanz festhalten, der sich freudig von einer auf die andere Seite schwingt?

Auf meiner Bahnfahrkarte steht ein anderes Gleis, als das, auf dem ich, dem Fuchs folgend, lande. Ein Blick auf die Reiseroutentickets sollte alles klären. Das Kostüm gefällt mir.

Warum bewegt sich nur dieser rotweiße Puschel so toll? Der sieht aus, als wäre der echt. Woraus haben die den gemacht?

Ja, das ist das falsche Gleis. Hier bleibe ich, wird schon klappen.
Der Fuchs bleibt in meiner Nähe, oder ich in seiner? Der Bahnsteig füllt sich mit Menschen. Als Nichtraucher stelle ich mich in das Raucherviereck.
»Ihr wollt bestimmt alle nach Leipzig. Hier auf dem Ticket steht, dass der Zug von dem anderen Gleis dort abfährt«, sage ich zu einem Mädchen in Dienstmädchenuniform. Sie trägt eine weiße Haube.
»Ja, ja, bist schon richtig. Komm einfach mit. Wir wollen auch zur Messe.«
Der Fahrplan landet zerknüllt in meiner Jackentasche. Folge ich also stumm den Brotkrumen aus Faschingskostümen. Die Buchmesse ist nicht zu übersehen.

Kurz nach neun erhebt sich, wenige hundert Meter von mir entfernt, die Messehalle. Eine Straßenbahn fährt ein.
»Lass uns zur Messe laufen.«, ruft jemand hinter mir.
Die Straßenbahn sieht leer aus. Ich hüpfe hinein, schließlich sollen acht Stunden Fußmarsch folgen. Hinter mir drängen weitere Menschen in die Straßenbahn. Ein Wikinger hält sein Holzschild in die Höhe, um Raum für weitere Füße zu schaffen.
»Liebe Fahrgäste, ich freue mich darüber, dass Sie so zahlreich die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf unserer Buchmesse.«
Die Fahrgäste jubeln und klatschen.
Der Straßenbahnfahrer schiebt ein verlegenes Danke hinterher und entlässt uns auf das Messegelände.

So wurde ich in den Öffis noch nicht begrüßt, fühlt sich an, als wären alle berauscht und in Klassenfahrtlaune.

Die Steine unter meinen Füßen fühlen sich an, wie eine Hüpftburg. Ich tänzele auf den Glaspalast zu.
Ein Metallzaun hält mich auf.

Was treiben die hier? Zur Buchmesse kommen nur normale Menschen.

Es werden Taschenkontrollen durchgeführt. Ein Mann mit einem Rücken, doppelt so breit, wie mein eigener, baut sich vor mir auf. Seine Arme sind verschränkt. Mir wird kalt.
»Machen Sie den Rucksack mal auf!«
Ein Kopfnicken auf meinen Rucksack. Ich öffne ihn.
»Saftflasche, PC, Messeticket, Kabel und«, er schnuppert an dem Silberpapier.
»Leberwurstbrötchen?«
Ein tonloses Ja kommt über meine Lippen. Die Sonne scheint und ich habe angst, dass man mich vielleicht für einen Terroristen hält. Er winkt mich durch.

Kaum dass ich die Schranken passiert habe, die die Tickets entwerten, renne ich zu den Toiletten.
Bloß weg von der Taschenkontrolle.

Eine sprechende Puppe, mit pinken Haaren fragt im Bad nach einer Schere. Die Mädchen suchen in ihren Handtaschen danach. Keiner findet etwas. Aus der Jackentasche ziehe ich ein Taschenmesser hervor und reiche es ihr. Mein Puls rennt noch immer. Die Entscheidung zwischen meinem Taschenmesser und der Leipziger Buchmesse 2017 hätte ich nicht treffen wollen, werde es mir aber für das nächste Jahr merken.

 

Leipziger Buchmesse 2017_Für das Wort

 

Die Messehallen sind noch geschlossen. Ich stehe am blauen Sofa und lese mir den Veranstaltungsplan durch. Am Sonntag der Leipziger Buchmesse 2016 habe ich dort kurz gesessen und verschnauft. Mir gefällt das »Blaue Sofa«, sehr, schließlich ist es blau. Wäre es grau, ich würde es nicht mögen.

Leider kann man nicht den ganzen Tag auf dem Teppich sitzen und in der herrlichen Wohnzimmeratmosphäre schwelgen. Die Sonne prescht durch das Glasdach. Im Halbstundentakt finden hier also Autorengespräche statt. In meinen Terminplan passen noch Ausweichtermine für den Fall, dass die Vorträge, zu denen ich möchte, nicht zufriedenstellend sind. An einer Wand hängt ein Zettel. »Wenn sie unseren Bereich betreten, erklären Sie sich damit einverstanden, dass von ihnen Aufnahmen gemacht werden.«

Aha, das ist also meine Zustimmung zur Abtretung meiner Rechte am eigenen Bild. Ich habe mich schon gefragt, wie sie das hier machen. Der Deal ist Fair, dafür dass man uns hier Hocker anbietet.

Ich gehe die Treppen hinauf, um mir, solange die Halle nicht überflutet wird von Menschenmassen, ein Bild zu machen. Da ich keinen Hallenplan habe, muss es so gehen.

Vom Grundriss her wirkt das Messegelände in Leipzig auf mich wie ein Käfer. Der Glaspalast ist dessen Körper, die Messehallen die Beine.
Bevor ich mich am blauen Sofa auf den Boden setzen und den Teppich für später testen kann, promeniert ›Claire Fraser‹ an mir vorbei. Ich hadere noch mit mir, dass ich sie einfach angesprochen habe, als sie bereits einem Foto zustimmt.

Leipziger Buchmesse 2017_Claire Fraser

Exkurs zur Manga-Comic-Con der Leipziger Buchmesse 2017

Über Twitter hat mich eine Debatte darüber erreicht, ob man Cosplayer auf der Buchmesse erlauben sollte und ob die Manga- und Comic-Con weiterhin mit der Buchmesse verbunden bleiben, oder ausgelagert werden sollte.

Mir persönlich bereitet es Freude, die vielen verkleideten Menschen in den unterschiedlichen Messehallen anzutreffen. Eine Konzentration dieser findet sich natürlich im Glaspalast. Dort bietet sich mehr Raum, zur Präsentation der Kostüme. Als ich am blauen Sofa saß und einer recht ernsthaften Diskussion über abgerissene Häuser und deren entwurzelte Bewohner am anderen Ende der Welt hörte, fand sich ebenfalls eine Gruppe kostümierter Menschen ein, die ihre Helden nachahmten, direkt neben dem blauen Sofa.

Die Darbietung könnte von einigen anstößig aufgenommen worden sein.
Mir hat es gefallen. Ein grün, lila Batman, der … nun, ich denke, er wollte tanzen… seinen Körper verrenkte. Aus den Lautsprechern dröhnte, dass man doch mehr Verständnis füreinander haben solle. Es sei eine Schande, wenn man Menschen gewaltsam aus ihrer gewohnten Umgebung reißt. Wir sollten für die Vielfalt, die uns unser politisches System erlaubt, dankbar sein.
Batman verschwand und der nächste Autor trat an das blaue Sofa heran.
Der Chef der Leipziger Buchmesse 2017, Oliver Zille, hat sich für die Besucher in alternativer Bekleidung ausgesprochen, so heißt es in einem Beitrag des MDR.

Der Messeplan war straff. Eine halbe Stunde hier den Lektoren der Verlage beim Beantworten von Publikumsfragen zuhören. Eine halbe Stunde lang dort den Autoren lauschen.

 

Leipziger Buchmesse 2017_Ullsteinregal

 

Wo war die Toilette? Oh, ist das dort nicht Sabine Ebert?

“Wer liest denn hier?”

Zwei ältere Herren stehen neben mir. Ich strecke mich, um über die Köpfe der Menschen hinweg ein Foto zu erhaschen.

“Sabine Ebert.”

Sie ziehen, beinahe zeitgleich, die Köpfe zurück und runzeln die Stirn.

“‘Die Hebamme’? ”

Erkennen im Blick.

Irgendwann bin ich auf eine Autorin historischer Romane gestoßen. Autoren historische Romane zu finden ist, für mich, weiterhin eine Herausforderung. Pia Guttenson war so süß verkleidet. Sie ließ ein Foto von sich schießen und lud mich zu ihrem Messestand ein.
Der Messetag war, nach diesem Besuch, beendet.

Die letzten Händler schlossen ihre Stände. Wie zu beginn des Tages, rannte ich, um rechtzeitig meinen Zug zu erreichen.
Mein Zug war vor zwei Minuten abgefahren.
Ein blondes Mädchen hielt die Hände über etwas, das in einer Plastiktüte eingewickelt war. Sie sagte, dass ihre Flügel im Gedränge der Messe gelitten hätten. Es seien so viele Besucher unterwegs gewesen, dass sie beschädigt wurden.

Kaum waren wir in den Zug eingestiegen, da holte sie ihre Schätze hervor.
»Es war so voll auf der Messe.«
Sie grinste.
»Schau, das habe ich vom Reclam und das”, sie reicht mir einen Comic.

“Das habe ich vom Tokyopop.”

Ihre Augen leuchten.