»Sie können nicht wirklich glauben, dass das der Grund sein soll! Die Leute vergehen binnen weniger Stunden. Es ist schlechte Luft, die die Menschen krank macht! Gehen Sie in ihre Stube zurück und warten sie den Ausbruch ab!«
Damit schob er ihm seine Abhandlung On the Mode of communication of Cholera über den Tisch zu.

Sein Kollege rückte den Zwicker zurecht. Der Kopf des weißhaarigen Mannes senkte sich. Die getrübten Augen blickten über den Rand seines Zwickers.
»Sie sind ein gebildeter Mann, John Snow. Ruinieren Sie sich nicht ihren Ruf. Gehen Sie. Halten Sie sich ein Tuch vor die Nase!«
John Snow griff nach seiner Abhandlung und verließ das, mit Büchern bis unter die Decke gefüllte, Zimmer. Er schlug mit dem Blätterstapel auf einen nahegelegenen Tisch. Es war bereits der sechste Kollege aus dem Wissenschaftsbetrieb, dem er seine Erkenntnisse vorlegte. Auch dieser war nicht gewillt, seiner Abhandlung glauben zu schenken. Stets hörte er das Gleiche.
»Lassen Sie diese haarsträubenden Thesen, es sind faulige Dämpfe!«
»Wagen Sie sich nicht zu weit vor! Sie könnten sich selbst Schaden!«

»Unsinn!«
Seine Überzeugung hatte sich in den Jahren, die die Cholera London heimsuchte, nicht verändert. Zu seinem Bedauern galt selbiges für seine Kollegen. Den neuerlichen Ausbruch hatte er beinahe freudig begrüßt und sich einige ablehnende Bemerkungen eingefangen.

Er umfasste den Griff der Arzttasche fester. Das Operationsbesteck im inneren klimperte. Das Leder war weich von der langjährigen Benutzung.
Es war still in den, sonst geschäftigen, Gassen. Die federnden Schritte, weiblicher Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster ließen ihn aufblicken. An ihrer Hand hing ein Kind. Sie schimpfte. Es solle das Tuch ja nicht herunternehmen.

Sie riss ihre Augen auf, als sie den Mann sah, der sich ohne Atemschutz nach Soho wagte. Er lüftete den Hut. Sie zog das Kind dichter heran, verdoppelte das Schritttempo und verschwand ohne Gruß.

Er klopfte an eine Haustür. Niemand öffnete ihm. Er ging zur Nächsten. Nach weiteren zehn Versuchen tat sich etwas. Glasige Augen blickten durch einen sich quietschend öffnenden Spalt. Der Geruch von Erbrochenem und Exkrementen schlug ihm, selbst durch den kleinen Spalt hindurch, aus dem inneren des Hauses entgegen. In der Ferne sang eine Schwengelpumpe ihr Lied.
»Ich bin Arzt, Madam. Mein Name ist John Snow. Man hat mich gerufen, wegen der Cholerakranken. Für eine Studie, die die Verbreitung behandeln und Ausbrüche unterbinden soll, benötige ich Hilfe. Wie viele Bewohner ihres Hauses sind denn der Krankheit anheimgefallen?«

Er nickte und zog einen Zettel aus der Tasche.
Aufkeuchen und das Suchen eines Augenpaares folgten.
»Es gibt hier keine Toten! Niemand ist an der Cholera erkrankt! Gehen Sie!«
Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Der Riegel kreischte, als er vorgeschoben wurde. Er pustete.
Was konnte er tun? Sie würden weiterhin sterben. Sollte er ebenso dabei zusehen müssen, wie 1831 im Krankenhaus in Killingworth? Sein erster Cholerapatient, eine junge Frau, hatte sich in seine Erinnerung gebrannt. Der Nachhall verfolgte ihn ebenso, wie das geflüsterte Flehen dieser. Er machte sich zur nächsten Tür auf, hob die Hand, um zu klopfen, und hielt in der Bewegung inne. Seit Wochen legten die Leute dieses Verhalten an den Tag.
Ratten drückten sich an den Häuserwänden entlang, auf der Suche nach Küchenabfällen. Ihre Füße platschten in dem brackigen Wasser auf der Straße. Wenn er stehen blieb, um sich dem nächsten Haus zuzuwenden, näherten sie sich ihm. Er hob den Fuß und stampfte auf. Es platschte. Nackte Füße tapsten davon.
Wie sollte er es beweisen? Er entstammte selbst einfachen Verhältnissen. Arzt und Medikamente waren Wörter, die man hier nur flüsterte, zu hoch waren die Kosten. Wenn man ihm weder glauben schenken, noch seine These widerlegen konnte, wäre es besser, er hätte sie nie geschrieben. Die Arbeit von Monaten wäre eine reine Zeitverschwendung gewesen, aber das durfte nicht sein. Es konnte nicht sein. Er ging auf und ab.
Das Geräusch polternder Holzräder, die sich über die gepflasterte Straße schoben, kündigten einen Karren an. Sein Griff, um den Henkel wurde fester. Er zog den Mantel um die Schultern. Die Totengräber hielten die Köpfe gesenkt. Auf ihrem Wagen stapelten sich die sterblichen Überreste der Opfer. Bleiche, ausgemergelte Gesichter, in denen die Augen übergroß wirkten. Wangen und Bäuche waren eingefallen. Der Geruch menschlicher Exkremente haftete den Toten an und vermischte sich mit dem Geschmack von Erbrochenem und Blut auf seiner Zunge. Die üblichen Anzeichen, die die Seuche mit sich brachte. Einige mussten vor kurzer Zeit noch gelebt haben.
Er stellte sich ihnen in den Weg. Der Karren stoppte.
Er fragte die Totengräber, ob diese wüssten, aus welchem Haus, sie die Tote geborgen hatten. Die Tücher vor ihren Gesichtern wiegten sich von einer zur anderen Seite. Sie machten Anstalten ihn aus dem Weg zu schieben, um mit ihrer Last den Weg fortzusetzen. Sprühregen durchnässte sie alle. John machte keine Anstalten ihnen aus dem Weg zu gehen. Auf die Frage, nach einer Liste, in der die Toten notiert wären, lachte einer der Totengräber.
»Die sind froh, wenn sie die hier los sind«, sagte er mit einem Kopfnicken auf den Karren hinter sich.
»Jetzt geht! Wir wollen zu unseren Familien!«

Bevor er die nächste Frage stellen konnte, tapste ein Mann in einem Priestergewand zu ihnen. Der Reverend folgte dem Karren gemächlich, wie er selbst sagte. Seine Hand griff nach einer derer, die sich aus dem Wagen gestohlen hatten. Seine Finger strichen über die graue Haut. Er murmelte ein Gebet, dann schob er die Hand zurück. Er war aschfahl.
»Junger Mann, was wollen Sie hier? Sie sind in Soho. Die Cholera herrscht hier. Schützen sie ihr Gesicht, sonst liegen auch Sie bald auf diesem Karren!«

Er zog ein fleckiges Taschentuch aus dem Ärmel und reichte es John.
John stellte sich vor. Der Reverend beruhigte sich. Die Totengräber drehten die Köpfe in alle Richtungen. Sie traten an den Priester heran und flüsterten. Ihre Hände wanderten zu den Knoten der Tücher und zogen sie nach. Der Priester winkte mit der Hand ab.

»Meine Gemeinde wird kleiner. Niemand traut sich in die Kirche! Wie soll der Herr sie beschützen, wenn sie ihn nicht genügend ehren? Und wie soll ich das Kirchdach erneuern, wenn niemand dabei hilft?«
Die Totengräber tänzelten von einem Fuß auf den anderen. Sie murmelten etwas davon, dass sie sich vergiften, wenn sie länger als nötig den Dämpfen ausgesetzt werden.

Der Reverend schickte sie voraus. Mit dem Versprechen, dass er ihnen später folgen werde, polterte der Wagen zum nächsten Friedhof. Die Gaslaternen wurden angezündet. John fasste den Priester am Arm und zog ihn zu sich.
»Reverend, es sind nicht faulige Dämpfe, die Ihre Gemeinde heimsuchen. Ich bitte Sie. Helfen Sie mir! Allein komme ich nicht weiter und sie auch nicht.«
Der Ausdruck im Gesicht des Reverends veränderte sich. Er streckte ihm die Hand entgegen.
»Reverend Henry Whitehead, ich bin ein Freund neuer Vorschläge. Man sollte ihnen Gehör schenken, wenn die alten keine Verbesserung herbeiführen. In unserem Fall macht es keinen Unterschied. Sie sterben, Tücher hin oder her. Selbst wer zu alt ist um das Haus zu verlassen, fällt ihr anheim. Wenn Sie irgendetwas für die Leute tun können, nur zu!«

Er füllte seine Lungen mit der nasskalten Luft. Es war, als hätte jemand eine Kerze angezündet, an der er seine Finger wärmen konnte. Der Reverend begleitete ihn zu den Häusern, an denen er abgewiesen wurde. Trotz der Anwesenheit des Priesters wollten sich Türen schließen. Der ältliche Mann schob dann meist einen Fuß dazwischen und drohte mit dem Teufel. John notierte sich die Anzahl der Verstorbenen. Die Lebenden behandelte er, so gut er konnte.
Der Reverend versicherte ihm die Toten in seiner Abwesenheit weiter zu notieren, als er in die Kutsche zu seiner Wohnung stieg. Henry Whitehead wollte den Anwohnern von dem Arzt berichten, sodass er jederzeit seine Untersuchungen fortführen konnte.

Später fiel es ihm in seinem Arbeitszimmer schwer, die Adressen zu lesen, die er auf ein Stück Papier gekritzelt hatte. Seine Hand musste gezittert haben, in dem Glauben, es würde wie bei den vergangenen Versuchen werden. Die klare Schrift war zu einem kläglichen Abbild ihrer selbst verkommen.

John legte eine Karte Sohos an, in der er die Straßenzüge notierte. Mit Kreuzen markierte er den Standort öffentlicher Pumpen. Er musste es beweisen. Er musste auf seine Erkenntnisse aufmerksam machen. Er musste einfach! Wann er konnte, fuhr er nach Soho, um die Leute zu befragen. Eine Nachricht nach der anderen mit Adressen und Toten, die der Reverend schickte, erreichte ihn. Weitere Häuser wurden auf der Karte angekreuzt und mit der Anzahl der Todesopfer versehen.
»Das gibt es nicht! Der Gemeinderat muss davon erfahren!«

Die Tür krachte, als er das Haus verließ. Dr. John Snow rief eine Kutsche herbei. Der Kutscher grüßte mürrisch. Er öffnete die Tür und setzte ein Bein auf den Fußtritt. Kurz darauf knallte die Kutschentür. Das Pferd legte die Ohren zurück. Er stürmte zurück zum Haus.
»Wartet!«, brüllte er über seine Schulter.
»Zwei Pence mehr!«, hörte er den Kutscher rufen.
Wenig später riss er die Kutschentür auf und platzierte eine Axt auf seinen Oberschenkeln.
»Soho!«, war das Letzte, was die Nachbarn hörten.
Er sah, wie sich eine der Gardinen bewegte. Sicherlich würde es morgen Gerede geben. Die Peitsche durchschnitt die Luft, Pferde wieherten.

Das Holz in seinen Händen war ihm so vertraut, wie der Griff seiner Arzttasche. Seine Knochen traten hervor, während er es umklammerte. Durch das Fenster erkannte er den Reverend auf der Straße. Er hieß den Kutscher anzuhalten. Henry Whitehead ließ die Hand auf der Schulter eines Mannes ruhen, der in der einen Hand einen Wassereimer hielt und mit der anderen seine Mütze zerdrückte.
»Steigen Sie ein!«
Der Reverend blickte auf, erkannte ihn und folgte ungefragt der Aufforderung.
»Sie haben herausgefunden, was die Ursache ist?«
John nickte, den Blick fest auf die Axt gerichtet. Die Augen des Priesters wechselten zwischen seinem Gesicht und der Axt.

Sie hielten an der Pumpe in der Broad Street. Ein Junge zog an dem Schwengel. Der Wassereimer unter der Pumpe füllte sich. John trat neben den Jungen und hob die Axt über den Kopf. Der Junge zog den Kopf ein, während ein Mann auf sie zurannte.

Es schepperte.
Der Schlag hallte in seinen Schultern wieder. Er schenkte dem keine Beachtung. Immer wieder hieb er auf den Schwengel der Pumpe ein. Schließlich traf er auf das Pflaster. Der Krach traf keine tauben Ohren. Die ersten Schaulustigen sammelten sich um die alte Wasserpumpe.
Der Fremde hielt den Jungen.

John trat gegen den Eimer und das Wasser verteilte sich in den Pfützen.
»Was soll das? Woher sollen wir unser Wasser nehmen? Holt Schmied und Bobby, damit der Schwengel angebracht und der Übeltäter bestraft wird!«
John hielt den abgebrochenen Griff in die Höhe.
»Das ist der wahre Grund für euer Leiden, Leute! Nehmt die Tücher ab, sorgt dafür, dass euer Wasser sauber ist! Es ist das Wasser aus dieser Pumpe, das euch und eure Familien in den Tod treibt!«

Wut und Skepsis zeigte sich in erhobenen Fäusten und Gemurmel. Das Wasser musste mit der Hand in die Häuser getragen werden. Die nächste Pumpe war ein gutes Stück entfernt. Dreckklumpen folgen durch die Luft und landeten auf seinem Mantel. Kräftige Männer drängten sich nach vorn und hoben die Fäuste. Der Reverend trat zwischen John und die aufgebrachten Anwohner. Seine Anwesenheit und beschwichtigende Worte beruhigten die Stimmung etwas. Man wollte es sich nicht mit dem Reverend verscherzen, wusste man doch heute nicht, ob man ihn nicht schon morgen dringend benötigte.

»Gehen Sie! Sofort!«, sagte Reverend Henry Whitehead.
John stieg in seine Kutsche und nahm den Schwengel mit sich. Dreckklumpen und aus dem Pflaster gebrochene Steine folgten ihm. Eine Menschentraube sammelte sich um den Priester.

»Machen Sie sich nicht lächerlich, Sie können nicht wirklich glauben, dass das Wasser die Seuche hat ausbrechen lassen. Die Leute halten sich an unsere Anweisungen und schützen sich vor den fauligen Gasen! Gehen Sie und nehmen Sie diesen Unsinn mit!«, sagte sein Kollege. Wieder durchbohrten ihn die Augen über den Rand des Zwickers hinweg.

Die Karte und eine Kopie seiner Aufzeichnungen landeten im Kamin seines Kollegen.